Am Mittwoch und Donnerstag der vergangenen Woche gab es im Projekttheater Dresden wieder sagenhafte Aufführungen zu bestaunen: „Simpel“ heißt der Roman von Marie-Aude Murail, welcher den Ausgangspunkt des Abends bildete. Doch ganz und gar nicht „simpel“, sondern voller Fantasie und Ideenreichtum steckte die einzigartige Umsetzung durch das KüPro-Team Klasse 10 unter der Leitung von Astrid Lessig, Christian Förster und Ralf Neumann!

Wie im Vorspann eines Filmes zeigt eine Fotoserie zu Beginn in gespannter Stille, welche Mitwirkenden das Publikum im Laufe des Abends erwarten darf. Auf diese Weise wird aber zugleich der Hinweis auf ein wichtiges dramaturgisches Mittel gegeben: Es ist nämlich nicht nur so, dass zahlreiche Figuren von zwei verschiedenen Darstellern gespielt werden, sondern fast alle Darsteller schlüpfen darüber hinaus in verschiedene Rollen! Ein ausgezeichneter Einfall, dessen Tragweite und Potenzial sich bis zum Finale der Vorstellung Stück für Stück offenbaren sollten.

Die Szenen, die abwechselnd an verschiedensten Orten in der Vergangenheit und im Jetzt spielen, ermöglichen dem aufmerksamen Betrachter auf spannende Weise, die zahlreichen Charaktere des Beziehungsgeflechts immer besser kennen zu lernen und zeigen teils auf humorvolle, teils auf ergreifende, aber auch schockierende Weise, wie die Menschen dem sonderbaren Simpel begegnen.

Ein junger Mann, der den IQ eines Dreijährigen besitzt, flieht aus der Anstalt Malicroix und lebt von da an zusammen mit seinem 17-jährigen Bruder Colbert, welcher sich in der nächsten Szene wohl schon einem von vielen „WG-Castings“ unterzieht, um eine Bleibe für beide zu finden. Denn die anfängliche Skepsis gegenüber den Eigenarten Simpels verschwindet im Laufe des Stücks nicht bei jedem der bereits vorhandenen Mitbewohner. Während Colbert die Zimmer der neuen WG gezeigt werden, bleibt Simpel vermeintlich allein im Zimmer zurück. Doch der Schein trügt! Denn da erwacht plötzlich Simpels Kuscheltier, Monsieur Hasehase, wie aus dem Nichts zum Leben – eine zauberhaft gelungene Überraschung, die schon mal eine Träne der Rührung in die Augen zaubert! – Nicht allein wegen des klug ausgesuchten Kostüms, einer Kombination aus Nadelstreifenanzug, Hasenohren und -schwänzchen, sondern vor allem wegen der mit schauspielerischer Reife und spürbar echter Spielfreude dargebotenen Figur! Und erst recht wird diese Szene zu einer Sternstunde des Abends, als das träumerische Lied „Ich baue ein Haus“ des hinter dem halbdurchsichtigen Vorhang verborgenen Musikensembles erklingt und den Grundstein für die spätere Verbindung mit der Fantasiewelt Simpels legt.

Insgesamt zeichnet sich die Musik durch Feinsinnigkeit und ihren differenzierten Einsatz aus. Bis auf zwei höchst geschmackvoll gecoverte Titel wurde alles von den Jugendlichen komplett selbst komponiert und gezielt für passende Besetzungen arrangiert - je nachdem, ob sie für die entsprechende Atmosphäre einer Szene verantwortlich ist oder Figuren der Geschichte tatsächlich ein Solo singen – sei es in Gedanken an die Geliebte oder in Wirklichkeit unter der Dusche. Faszinierend, wie an dieser Stelle mithilfe eines Kartenständers eine Duschkabine gezaubert werden konnte, ohne auch nur ein Fünkchen Klassenzimmer-Feeling erahnen zu lassen! Faszinierend außerdem, wie es den Jugendlichen gelang, neben Instrumenten wie Violine, Klavier und Gitarre selbst solche wie z.B. ein Xylophon, das auf den ersten Blick weniger vielfältig anmuten könnte, im „Duschsong“ gezielt einzusetzen, um für die perfekte Stimmung zu sorgen!

Auf wieder andere Weise durfte sich das Publikum über die Schulszene amüsieren: Die Lehrerin mit „berufstypischen“ Sätzen und einem kleinen (von den Schauspielern geplanten!) Aussetzer – sicher für die jugendlichen Darsteller selbst eine diebische Freude, wer sich im Publikum durch sein Lachen outet, dass er sich selbst oder eigene Lehrer in dem auf gelungene und humorvolle Weise vorgehaltenen Spiegel erkannt hat…

Ob in der Schule, im alltäglichen WG-Leben oder auf der Party - immer wieder wird deutlich, dass natürlich auch Frühlingsgefühle bei den Frühjahrskulturtagen nicht zu kurz kommen dürfen! Unterhaltsam und beeindruckend, wie die Jugendlichen schon allein durch Mimik und Körperhaltung so überzeugend spielen, dass man meint, den überspringenden Funken sehen zu können. Mehr Schein als Sein? – Doch das ist durch die rosarote Brille nicht immer gut zu erkennen! Bis sich die Beziehungen nach und nach neu sortieren, dauert es bis kurz vor Schluss – doch dann liegen die Liebschaften nicht mehr im übertragenen Sinne „überkreuz“, sondern sogar im wörtlichen und schon bald fliegen nicht mehr nur Herzen durch die Luft …

Doch eines Tages verschwindet Simpel plötzlich, die WG begibt sich auf die Suche, während jener durch Paris irrt und Menschen verschiedenster gesellschaftlicher Kreise begegnet – abgewiesen und belächelt von Besuchern einer Vernissage, einem Restaurant und Betrunkenen auf der Straße. – Flotte Szenenwechsel, in denen durch wenige Handgriffe aus den Elementen eines schlichten Holzpaletten-Bühnenbilds raffiniert die wechselnden Handlungsorte dargestellt werden. - Wie soll sich ein „Dreijähriger“ in einer solchen Stadt bloß zurechtfinden?! Welch Glück, dass er zu guter Letzt Menschen begegnet, die wissen, wie es ist, von anderen nicht beachtet oder geringgeschätzt zu werden: Drei Prostituierte ergreifen die Initiative und informieren Colbert – große Erleichterung bei allen Beteiligten!

Mein großer Respekt gilt allen, die im Laufe der drei Jahre im Künstlerischen Profil eine so beachtliche künstlerische Entwicklung gezeigt haben! Es war ein großer Genuss, euch erleben zu dürfen, mit euch in verschiedene Rollen zu schlüpfen, die Welt einmal mehr mit kindlichen Augen zu betrachten und schließlich auch Tage später noch mit Melodien wie „Ich baue ein Haus“ an der Elbe entlang zu radeln und an diesen fantastischen Abend zurückzudenken!

Bilder: Neumann, Ralf