Das gesellschaftswissenschaftliche Profil in Klasse 9 berührt mit dem Lernbereich „Heimat und Fremde“ ein gesellschaftliches Thema, welches momentan wie kein anderes die Tagespolitik weltweit bestimmt. In der Profilwoche haben wir es uns zum Ziel gesetzt, die Aspekte „Flucht und Asyl“ näher zu beleuchten und durch verschiedene Exkursionen den Schülern auch persönlich nahezubringen. Die Basis dafür bildeten die theoretischen Grundlagen zu den Fragen, was Flucht und Asyl bedeuten, wer ein Flüchtling bzw. Asylsuchender ist, wie ein Asylverfahren abläuft und aufgrund welcher rechtlichen Grundlagen dazu in unserem Land Entscheidungen getroffen werden.

Ein Highlight der Woche war die Fahrt nach Berlin, die uns am Vormittag zum Jesuitenflüchtlingsdienst führte, einer Organisation des christlichen Jesuiten-Ordens, die sich weltweit für humanitäre Hilfe in Flüchtlingslagern und in Deutschland ganz besonders für die Rechte und die Seelsorge von Geflüchteten einsetzt. In einem offenen Gespräch mit einem Rechtsanwalt und einem Jesuiten erhielten wir viele Informationen zur schwierigen Lage von Abschiebehäftlingen und zum Thema Kirchenasyl. Am Nachmittag besuchten wir im Museum Europäischer Kulturen die Ausstellung „daHEIM. Einsichten in geflüchtete Leben“. Diese Ausstellung wurde von Flüchtlingen selbst konzipiert und gestaltet und bot dem Betrachter einen Einblick in Fluchterfahrungen und verschiedene Formen der individuellen Verarbeitung dieser Erlebnisse. Immer wieder waren Wellen zu sehen, welche den Fluchtweg bildhaft vor Augen stellten. Aber auch Bettgestelle, Formulare und Warteszenen prägten das Bild - Sichtweisen auf die Ankunft und das Leben in Deutschland.

Bewegend fanden viele Schüler auch die Gerichtsverhandlungen am Verwaltungsgericht, zu denen Flüchtlinge aus dem Libanon und aus Syrien mit dem Ziel der Anerkennung ihrer Flüchtlingseigenschaft gekommen waren. Wir mussten lernen, dass die vorgetragenen Fluchtgründe, wie z.B. Angst vor Milizen oder die Zerstörung der Wohnung durch eine Bombe, so nachvollziehbar sie auch seien, dennoch rechtlich in Deutschland nicht für einen Aufenthaltstitel reichen. Uns wurde einmal mehr bewusst, dass wir in Deutschland in einem sicheren, friedlichen und reichen Land leben, in welchem Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hohe Güter sind.

Zum Abschluss der Profilwoche luden wir einen syrischen Flüchtling, Herrn Firas Almikdad ein, der uns von seinem persönlichen Schicksal erzählte. Zur Vorbereitung dieses Gesprächs hatten sich die Schüler mit der Methode der Zeitzeugenbefragung auseinandergesetzt, eigene Fragen erarbeitet, diese nach thematischen Gesichtspunkten geordnet und schließlich das Interview selbst intensiv vorbereitet. Wir lernten Firas als fröhlichen und aufgeschlossenen Menschen kennen. Aus Angst vor dem Militär und dem Krieg ist er 2015 über die Balkanroute nach Deutschland geflohen, hat Frau und Kinder zurückgelassen und steht seitdem nur über seinen Smartphone mit ihnen in Kontakt. Trotz seines erst kurzen Aufenthalts in Deutschland sprach er gut Deutsch, zeigte uns teils schöne, teils erschütternde Bilder aus seiner Heimat und berichtete von mehreren schönen Begegnungen in Deutschland. Den Vormittag mit uns wird er sicher dazuzählen.

Für die Schüler bleibt aus dieser Woche vor allem die persönliche Begegnung mit Einzelschicksalen. Diese rückten das, was man aus den Medien tagtäglich und aus sicherer Distanz erfährt, ganz nah an uns heran und zeigten, dass Menschen in vielen Ländern zum Teil großes Leid erfahren müssen und dabei kein Fall wie der andere ist. Die Schüler sahen und zeigten auch selbst viel Menschlichkeit.
Es ist wohl diese Menschlichkeit, die wir viel mehr und so sehr brauchen, damit jeder Mensch eine friedliche Heimat hat und sich auch in der Fremde zuhause fühlen kann.